Wohnung & Wohnungsmarkt
Wer nach Stockholm zieht und glaubt, die Wohnungssuche werde schon irgendwie klappen, wird schnell eines Besseren belehrt. Stefan hatte sich noch in Deutschland darauf vorbereitet – Maklerseiten studiert, das Konzept des Bostadsrätt (des schwedischen „Wohnrechts", das einer Eigentumswohnung ähnelt, ohne dass man die Wohnung wirklich besitzt) verstanden, Begriffe wie Andrahand und Hyresrätt nachgeschlagen. Und trotzdem war die Realität ernüchternder als erwartet. Richtige Mietwohnungen sind in Stockholm praktisch nicht zu finden; wer doch eine will, stellt sich in Wartelisten ein, die bisweilen länger als zehn Jahre dauern. Die Alternative: entweder ein Bostadsrätt kaufen, oder illegal zur Untermiete wohnen – mit dem Risiko, aufzufliegen.
(geschrieben am 27. Juli 2008 von Stefan)
Die erste Zeit verbrachte Stefan zur Untermiete in einem Zimmer bei einem Vermieter. Malte reiste kurz nach dem Umzug ebenfalls an – die Fähre nach Stockholm schwankte ordentlich, kam mit Verspätung an, und das Allererstes war ein Besuch beim IKEA in Kungens Kurva. Kurz darauf besichtigten sie gemeinsam mögliche Wohnungen auf der Insel Lidingö – einer der teuersten Gegenden der Stadt. Die Aussicht auf ein Häuschen dort war schön, aber unrealistisch: „Einen Lottogewinn bräuchte man", notierten sie trocken.
(geschrieben am 5. und 9. August 2008 von Malte und Stefan)
In den folgenden Wochen und Monaten wurde der Sonntagsrhythmus schnell klar: Wohnungsbesichtigungen. Manchmal gleich mehrere hintereinander. Eine schöne Dreizimmerwohnung im Neubau von 2006, hell, mit Balkon – nur leider nicht zur Miete, sondern nur zu kaufen. Und Kredit? Ohne schwedische Kredithistorie war das nahezu unmöglich. Die Banken verlangten in der Zeit der Finanzkrise 2008 mindestens zehn Prozent Eigenkapital, manche sogar fünfzehn. Stefan rechnete durch: Für eine Wohnung für 1,475 Millionen Kronen kämen monatlich rund 9.000 Kronen zusammen – mehr als die Hälfte seines Einkommens. Abgelehnt.
(geschrieben am 10. August, 7. September, 21. September und 15. November 2008 von Malte und Stefan)
Trotzdem ließ er nicht locker. Im Herbst 2009, ein knappes Jahr nach dem Einzug, wurde es ernst. Stefan hatte sich online eine Kreditzusage gesichert – die SBAB gab sich mit fünf Prozent Eigenkapital zufrieden – und trat in sein erstes Bietverfahren ein. Das Bietverfahren ist in Schweden das Übliche: Der Makler nimmt Gebote per SMS oder Anruf entgegen, und die Interessenten überbieten einander. Stefan wurde prompt von einem Höchstgebot abgelöst, bot 500 Kronen mehr – und wurde wieder überboten. Am Ende verlor er. Doch nur wenige Wochen später ergab sich eine andere Gelegenheit.
(geschrieben am 20. August 2009 von Stefan)
Im September 2009 schilderte Stefan ausführlich die Stockholmer Wohnungssituation für Neuzugezogene: Die Wartezeiten auf eine Mietwohnung erinnerten ihn an DDR-Zeiten mit dem Trabi. Wer nicht jahrelang warten wollte, kaufte ein Bostadsrätt oder wohnte zur Schwarzmiete. Doch dann traf es die beiden: Sie fanden ihre erste eigene Wohnung – und im November 2009 war der Umzug geschafft. Der Keller war voll bis unters Dach, einiges ging beim zweiten Umzug innerhalb eines halben Jahres kaputt, und Malte wusste sofort: „Den nächsten Umzug lasse ich von einer Firma machen."
(geschrieben am 17. September und 4. November 2009 von Stefan und Malte)
2013 und 2014 spielte das Thema Wohnung wieder eine Rolle – diesmal als Verkäufer. Die Wohnung wurde zur Besichtigung freigegeben, Interessenten kamen, SMS vom Makler tröpfelten ein. Nach zwei Besichtigungswochenenden fanden sich schließlich Käufer, und die Wohnungsbaugenossenschaft musste die neue Eigentümerin genehmigen – was sich über zwei Monate hinzog. Das Warten auf die Anzahlung war zermürbend.
(geschrieben am 3. November 2013 und 14. Januar 2014 von Malte)
Das nächste große Kapitel war dann das Eigenheim in Vallentuna nördlich von Stockholm. 2014 zogen sie ins eigene Haus. Weihnachten 2017 beschrieb Malte das Jahr mit zwei Adoptivkindern, dem Lehramtsstudium und dem ersten Weihnachtsfest in richtiger Familienrunde – als Abschluss eines Kapitels, das mit einem leeren Zimmer zur Untermiete in Fruängen begonnen hatte.
(geschrieben am 25. Dezember 2017 von Malte)